Die Antidiskriminierungsstelle Steiermark hat mit dem neuen Booklet „Online-Hassreport – Trends und Entwicklungen 2017–2025 BanHate“ erstmals eine umfassende Analyse digitaler Hasspostings über einen Zeitraum von neun Jahren vorgelegt. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Hass gegen Minderheiten verbreitet sich heute schneller, sichtbarer und strategischer als je zuvor.
23.343 gemeldete Hasspostings
Seit dem Start der BanHate-App im Frühjahr 2017 wurden insgesamt 23.343 Hasspostings gemeldet. Davon wurden 11.263 Fälle an Behörden in Österreich, Deutschland und der Schweiz weitergeleitet oder zur Anzeige gebracht. Weitere 12.080 Meldungen konnten nicht verfolgt werden, etwa weil sie strafrechtlich nicht relevant waren, bereits verjährt sind oder keine Möglichkeit zur Löschung bestand.
Die Auswertung zeigt, dass unter den strafrechtlich relevanten Fällen vor allem folgende Inhalte dominieren:
- Verhetzung (30,5 %)
- NS-Wiederbetätigung und -Parolen (23,7 %)
- Beleidigung und üble Nachrede (15,4 %)
- Weitere Formen wie Drohungen, Gewaltaufrufe oder Cybermobbing
Fremdenfeindlichkeit und Extremismus dominieren
Über den gesamten Zeitraum hinweg stellt Fremdenfeindlichkeit mit über 4.000 Meldungen die häufigste Form von Online-Hass dar. Dahinter folgen NS-verherrlichende Inhalte und Fake News. Die Daten zeigen klar: Digitale Gewalt ist kein statisches Phänomen, sondern eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft.
Hass folgt Krisen, Konflikten und gesellschaftlichen Debatten
Ein zentrales Ergebnis des Reports ist, dass Hass im Netz besonders dann zunimmt, wenn gesellschaftliche oder geopolitische Ereignisse stattfinden. Beispiele dafür sind:
- Fluchtbewegungen ab 2015 (Hass gegen Geflüchtete)
- Die Corona-Pandemie (Verschwörungstheorien und Angriffe auf Politiker:innen, Medien und Gesundheitsberufe)
- Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine
- Der Terrorangriff der Hamas 2023 (Zunahme antisemitischer und antimuslimischer Inhalte)
Auch gesellschaftliche Bewegungen beeinflussen die Dynamik:
Während der #MeToo-Debatte richtete sich Hass verstärkt gegen Frauen, bei Klimaprotesten gegen Aktivist:innen.
Zunehmende queerfeindliche Angriffe
Besonders besorgniserregend ist die Zunahme von Hass gegen LGBTQIA+-Personen. Rund um Ereignisse wie Pride-Monate oder den Eurovision Song Contest kommt es verstärkt zu Beschimpfungen, Drohungen und gezielten Angriffen auf queere Menschen – insbesondere auf Transpersonen und Dragqueens.
Diese Entwicklungen zeigen deutlich: Sichtbarkeit führt nach wie vor auch zu verstärkten Anfeindungen.
„Hass multipliziert sich durch Krisen“
Daniela Grabovac, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, bringt es auf den Punkt:
Hass beschleunigt sich durch soziale Medien und wird durch Krisen und Konflikte zusätzlich verstärkt. Unterschiedliche Gruppen geraten dabei immer wieder ins Visier.
Klare Maßnahmen gefordert
Die Antidiskriminierungsstelle empfiehlt, künftig besser auf vorhersehbare Hasswellen vorbereitet zu sein – etwa bei Großereignissen oder politischen Krisen. Notwendig sind:
- klare Zuständigkeiten und Strategien
- verbindliche Richtlinien im Umgang mit Hasspostings
- mehr Sensibilisierung und konsequenteres Vorgehen durch Behörden
Denn: Mit steigender Ereignisdichte wächst auch das Risiko von Radikalisierung.
Stimmen aus Wissenschaft und Praxis
Expert:innen betonen, dass Hass kein Zufallsprodukt ist, sondern gesellschaftliche Ursachen hat. Er knüpft oft an bestehende Vorurteile und Diskriminierungsmuster an – etwa Antisemitismus, Antifeminismus oder Rassismus. Gleichzeitig sinkt durch digitale Kommunikation die Hemmschwelle für radikale Aussagen.
RosaLila PantherInnen: Unterstützung muss ankommen
Auch Joe Niedermayer von den RosaLila PantherInnen sieht dringenden Handlungsbedarf:
„Wie wir mit Minderheiten umgehen, ist der Maßstab für die Reife unserer Gesellschaft. Derzeit erleben wir hier Rückschritte. Umso wichtiger ist es, Probleme offen anzusprechen und Betroffene konkret zu unterstützen.“
Gerade in bestehenden Communities – wie der LGBTQ-Community – funktioniere Hilfe besonders gut, weil sie auf Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung basiert.
Fazit
Der Online-Hassreport zeigt eindrücklich: Hass im Netz ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Spannungen. Umso wichtiger ist es, frühzeitig gegenzusteuern, Solidarität zu stärken und Betroffene nicht allein zu lassen.
Das vollständige Booklet ist hier abrufbar:














